Myrcen, Humulen und Co. – Die wichtigsten Hopfenöle

Warum riecht ein Hopfen fruchtig, ein anderer würzig und ein dritter eher harzig oder floral?
Die Antwort liegt zu einem großen Teil in den ätherischen Ölen des Hopfens.

Im letzten Artikel haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was Hopfenöle überhaupt sind. Dabei wurde deutlich: Hopfenöl ist kein einzelner Stoff, sondern ein komplexes Gemisch aus vielen flüchtigen Verbindungen.

In diesem Artikel schauen wir uns die wichtigsten davon genauer an: Myrcen, Humulen, Caryophyllen, Farnesen und einige sauerstoffhaltige Terpene wie Linalool und Geraniol.

Dabei geht es nicht nur darum, welcher Stoff nach was riecht. Viel wichtiger ist die Frage:

Wie beeinflussen diese Verbindungen das Aroma des Bieres – und was passiert mit ihnen während des Brauprozesses?


1. Hopfenöl ist ein komplexes Gemisch

Hopfenöl besteht aus zahlreichen flüchtigen organischen Verbindungen. Dazu gehören vor allem verschiedene Terpene und deren Derivate.

Vereinfacht lassen sich die wichtigsten Gruppen so einteilen:

  • Monoterpene
  • Sesquiterpene
  • oxygenierte Terpene
  • weitere flüchtige Verbindungen wie Ester, Aldehyde und Ketone

Zu den bekanntesten Bestandteilen gehören:

  • Myrcen
  • Humulen
  • β-Caryophyllen
  • Farnesen
  • Linalool
  • Geraniol

Welche davon in welcher Konzentration vorkommen, hängt stark von der Hopfensorte ab. Aber auch Anbaugebiet, Erntejahr, Reifegrad, Trocknung und Lagerung beeinflussen das Hopfenölprofil.

Deshalb besitzt jede Hopfensorte gewissermaßen einen eigenen chemischen Fingerabdruck.


2. Was sind Terpene?

Bevor wir uns die einzelnen Hopfenöle ansehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die chemische Einordnung.

Monoterpene

Zu den Monoterpenen gehört beispielsweise:

Myrcen

Sesquiterpene

Zu dieser Gruppe gehören unter anderem:

  • Humulen
  • β-Caryophyllen
  • Farnesen

Daneben gibt es oxygenierte Terpene, also Terpene, die Sauerstoff im Molekül enthalten.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Linalool
  • Geraniol

Diese Einteilung ist für Hobbybrauer interessant, weil sich die verschiedenen Stoffgruppen während des Brauprozesses unterschiedlich verhalten können.


3. Myrcen – eines der bekanntesten Hopfenöle

Beginnen wir mit dem wohl bekanntesten Hopfenöl:

Myrcen

Myrcen ist ein Monoterpen und kann in vielen Hopfensorten einen erheblichen Anteil des Gesamtöls ausmachen.

Je nach Sorte kann der Anteil stark variieren.

Sensorisch wird Myrcen häufig mit Eindrücken wie:

  • grün
  • kräuterig
  • harzig
  • balsamisch
  • frisch

beschrieben.

Vor allem bei modernen Aromahopfen wird Myrcen häufig diskutiert.

Aber hier ist Vorsicht geboten.


4. Hoher Myrcengehalt bedeutet nicht automatisch Tropenfrucht

Eine häufige Vereinfachung lautet:

„Dieser Hopfen hat viel Myrcen – deshalb riecht er nach Mango und Maracuja.“

So einfach ist es nicht.

Myrcen ist nur ein Bestandteil des gesamten Hopfenölprofils.

Das Aroma eines Hopfens entsteht durch das Zusammenspiel vieler Verbindungen und deren Konzentrationsverhältnisse.

Dazu kommen später noch die Veränderungen während:

  • des Kochens
  • der Whirlpoolgabe
  • des Dry Hoppings
  • der Gärung
  • der Lagerung

Deshalb gilt:

Myrcen ist ein wichtiger Baustein des Hopfenaromas, aber kein alleiniger Aromageber.


5. Warum geht Myrcen beim Kochen verloren?

Myrcen ist relativ flüchtig.

Wird Hopfen lange in der kochenden Würze gehalten, kann ein großer Teil der flüchtigen Bestandteile mit dem Wasserdampf entweichen.

Das bedeutet:

Hopfen im Sack

≠

Hopfenaroma im fertigen Bier

Ein Hopfen kann beispielsweise einen hohen Myrcengehalt besitzen. Wird er aber 60 Minuten gekocht, bleibt davon im fertigen Bier nur ein Teil erhalten.

Genau deshalb haben frühe und späte Hopfengaben so unterschiedliche sensorische Wirkungen.


6. Humulen – typisch für viele klassische Aromahopfen

Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Bestandteil:

Humulen

Humulen gehört zu den Sesquiterpenen.

Es wird häufig mit folgenden Eindrücken verbunden:

  • floral
  • kräuterig
  • würzig
  • holzig
  • balsamisch

Humulen spielt insbesondere bei vielen traditionellen europäischen Aromahopfen eine wichtige Rolle.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Hallertauer Mittelfrüh
  • Saaz
  • Tettnanger
  • Spalter

Diese Hopfen werden häufig mit dem klassischen „Noble Hop Aroma“ in Verbindung gebracht: fein, floral, würzig und kräuterig.


7. Ist Humulen also für das typische Pils-Aroma verantwortlich?

Nicht allein.

Auch hier gilt:

Ein Hopfenaroma lässt sich nicht auf ein einzelnes Molekül reduzieren.

Humulen ist ein wichtiger Bestandteil des chemischen Profils vieler klassischer Aromahopfen. Das charakteristische Aroma entsteht jedoch durch das Zusammenspiel zahlreicher Verbindungen.

Deshalb wäre es zu einfach zu sagen:

Humulen = Noble Hopfen

Besser ist:

Humulen ist ein wichtiger Bestandteil des komplexen Aromaprofils vieler Noble Hopfen.


8. Humulen verändert sich während des Brauprozesses

Auch Humulen bleibt im Bier nicht unbedingt unverändert.

Durch:

  • Hitze
  • Sauerstoff
  • Lagerung

kann es zu chemischen Umwandlungen kommen.

Dabei können unter anderem verschiedene Humulen-Oxide entstehen.

Diese Verbindungen können wiederum zur Aromatik des Bieres beitragen.

Damit wird ein wichtiger Grundsatz der Hopfenchemie sichtbar:

Nicht nur die ursprünglichen Inhaltsstoffe des Hopfens sind interessant, sondern auch das, was während des Brauens daraus entsteht.


9. β-Caryophyllen – würzig und pfeffrig

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist:

β-Caryophyllen

Auch β-Caryophyllen gehört zu den Sesquiterpenen.

Es wird häufig mit Eindrücken wie:

  • würzig
  • pfeffrig
  • holzig
  • kräuterig

verbunden.

Damit kann Caryophyllen insbesondere zu würzigen und leicht pfeffrigen Eindrücken beitragen.

Aber auch hier gilt:

Caryophyllen ist nicht gleich Pfefferaroma.

Die tatsächliche Wahrnehmung hängt vom gesamten Aromaprofil des Hopfens und von der Biermatrix ab.


10. Humulen und Caryophyllen gemeinsam betrachten

Humulen und Caryophyllen werden häufig gemeinsam betrachtet, weil beide zu den Sesquiterpenen gehören und in vielen Hopfenölen wichtige Bestandteile sind.

Wenn du ein Hopfenanalyseblatt ansiehst, findest du deshalb häufig Angaben wie:

  • Humulene
  • Caryophyllene
  • Farnesene
  • Myrcene

Diese Werte helfen dabei, das chemische Profil einer Sorte besser zu verstehen.

Aber sie sind keine direkte Aromabeschreibung.

Ein Laborbericht kann dir sagen:

Was im Hopfen enthalten ist.

Er sagt dir nicht automatisch:

Wie das fertige Bier schmecken und riechen wird.


11. Farnesen – ein weiterer Bestandteil des Hopfenöls

Auch:

Farnesen

gehört zu den Sesquiterpenen.

Der Anteil von Farnesen unterscheidet sich deutlich zwischen verschiedenen Hopfensorten.

Farnesen wird häufig mit:

  • floralen
  • grünen
  • frischen

Eindrücken in Verbindung gebracht.

Besonders bei klassischen Aromahopfen wurde Farnesen lange als ein interessanter Bestandteil des sogenannten Noble-Hop-Profils betrachtet.

Aber auch hier gilt:

Farnesen ist kein einzelner „Noble-Hop-Schalter“.

Das typische Aroma entsteht aus der Kombination vieler Verbindungen.


12. Ein erster Überblick

HopfenölStoffgruppeTypische sensorische Assoziationen
MyrcenMonoterpengrün, kräuterig, harzig, frisch
HumulenSesquiterpenfloral, würzig, holzig, balsamisch
β-CaryophyllenSesquiterpenwürzig, pfeffrig, holzig
FarnesenSesquiterpenfloral, grün, frisch
Linalooloxygeniertes Monoterpenfloral, zitrusartig
Geranioloxygeniertes Monoterpenfloral, rosig, zitrusartig, fruchtig

Diese Zuordnung dient nur als Orientierung.

Sie sollte nicht als einfache Übersetzungstabelle verstanden werden:

Molekül → ein bestimmtes Aroma

In der Realität ist die Aromawahrnehmung deutlich komplexer.


13. Warum sind oxygenierte Terpene so interessant?

Jetzt kommen wir zu einer besonders spannenden Gruppe:

Oxygenierte Terpene

Sie machen mengenmäßig häufig einen kleineren Teil des Hopfenöls aus als beispielsweise Myrcen.

Das bedeutet aber nicht, dass sie sensorisch unwichtig sind.

Im Gegenteil.

Einige dieser Verbindungen besitzen eine sehr niedrige Geruchsschwelle.

Das bedeutet:

Schon sehr kleine Konzentrationen können für die menschliche Nase relevant sein.

Damit wird verständlich, warum ein Stoff mit einem relativ kleinen Anteil am Hopfenöl trotzdem einen großen Einfluss auf das Aroma haben kann.


14. Linalool – klein in der Menge, wichtig für das Aroma

Ein besonders interessantes Beispiel ist:

Linalool

Linalool gehört zu den oxygenierten Monoterpenen.

Es wird häufig mit:

  • floralen
  • zitrusartigen
  • frischen

Aromen verbunden.

Linalool ist deshalb in der Hopfen- und Bierforschung ein wichtiger Marker für die Aromawirkung von Hopfen.

Der entscheidende Punkt:

Die Konzentration allein entscheidet nicht über die sensorische Bedeutung eines Stoffes.

Auch seine Geruchsschwelle und die Wechselwirkung mit anderen Aromastoffen spielen eine Rolle.


15. Geraniol – floral und fruchtig

Ein weiterer wichtiger Stoff ist:

Geraniol

Geraniol gehört ebenfalls zu den oxygenierten Monoterpenen.

Es wird unter anderem mit:

  • floralen
  • rosigen
  • zitrusartigen
  • fruchtigen

Eindrücken verbunden.

Besonders interessant ist Geraniol, weil es während der Gärung nicht unbedingt unverändert bleibt.

Bestimmte Hefestämme können Hopfenaromastoffe umwandeln.

Damit kommen wir zu einem der spannendsten Themen der modernen Hopfenforschung:

Biotransformation


16. Was bedeutet Biotransformation?

Unter Biotransformation versteht man vereinfacht gesagt die Umwandlung von Verbindungen durch lebende Organismen, im Bier vor allem durch die Hefe.

Dabei können Hopfenbestandteile während der Gärung verändert werden.

Ein bekanntes Beispiel betrifft bestimmte Terpenalkohole.

So können aus einer Verbindung andere aromawirksame Verbindungen entstehen.

Das bedeutet:

Die Hefe kann mitbestimmen, wie das Hopfenaroma am Ende tatsächlich aussieht.

Hopfen und Hefe sind deshalb nicht zwei völlig getrennte Aromawelten.

Sie können chemisch miteinander interagieren.


17. Deshalb riecht derselbe Hopfen nicht in jedem Bier gleich

Nehmen wir einen bestimmten Aromahopfen.

Du verwendest ihn in:

Bier A

  • neutraler Hefestamm
  • klassisches Pale Ale
  • moderate Hopfengabe

und in:

Bier B

  • stark aromabildende Hefe
  • hohe Dry-Hop-Rate
  • andere Stammwürze
  • andere Gärführung

Obwohl dieselbe Hopfensorte verwendet wurde, kann das Aroma deutlich unterschiedlich ausfallen.

Der Grund:

Die Hopfenbestandteile werden in unterschiedlichen chemischen und biologischen Bedingungen verarbeitet.


18. Das Hopfenöl im Sack ist nicht das Hopfenöl im Bier

Das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels.

Stell dir vor, du hast eine Hopfenanalyse:

Myrcen: 45 %

Das bedeutet nicht:

„45 % des Hopfenaromas im fertigen Bier werden Myrcen sein.“

Zwischen Analyse und fertigem Bier liegen zahlreiche Prozesse:

Hopfen

↓

Zerkleinerung / Pelletierung

↓

Lagerung

↓

Kontakt mit Würze

↓

Hitze

↓

Verdampfung

↓

Extraktion

↓

Oxidation

↓

Gärung

↓

Biotransformation

↓

Bieraroma


19. Warum ist das für die Hopfengabe wichtig?

Die Art und der Zeitpunkt der Hopfengabe bestimmen, welche Bestandteile besonders stark zur Geltung kommen.

Frühe Kochgabe

Lange Hitzeeinwirkung

→ starke Verluste flüchtiger Öle

→ vor allem Bitterstoffbildung

Späte Kochgabe

Kürzere Hitzeeinwirkung

→ mehr Aroma bleibt erhalten

Whirlpool

Heiße, aber nicht mehr kochende Würze

→ intensive Extraktion

→ anderes Verhältnis zwischen Aroma und Bittere

Dry Hopping

Niedrige Temperatur

→ intensive Extraktion flüchtiger Aromastoffe

→ sehr ausgeprägtes Hopfenaroma möglich

Natürlich ist das eine Vereinfachung. Temperatur, Kontaktzeit, Hopfenmenge und Biermatrix spielen ebenfalls eine große Rolle.


20. Warum bedeutet mehr Hopfenöl nicht automatisch mehr Aroma?

Auch das ist ein häufiger Denkfehler.

Angenommen:

Hopfen A

2,0 ml/100 g Gesamtöl

Hopfen B

1,5 ml/100 g Gesamtöl

Daraus folgt nicht automatisch:

Hopfen A ist aromatischer.

Denn entscheidend ist:

Was steckt in diesen 2,0 ml?

Wenn Hopfen A vor allem aus relativ wenig geruchsaktiven Verbindungen besteht, während Hopfen B mehr stark geruchsaktive Stoffe enthält, kann B sensorisch durchaus intensiver wirken.

Deshalb ist der Gesamtölgehalt nur ein Teil der Information.


21. Die Geruchsschwelle macht den Unterschied

Jeder Aromastoff besitzt eine bestimmte:

Geruchsschwelle

Das ist vereinfacht die Konzentration, ab der ein Stoff für unsere Nase wahrnehmbar wird.

Diese Schwellen können sich zwischen verschiedenen Verbindungen stark unterscheiden.

Deshalb kann ein Stoff mit:

0,1 mg/L

sensorisch wichtiger sein als ein anderer mit:

10 mg/L.

Das ist einer der Gründe, warum reine Laborwerte nicht ausreichen, um das Aroma eines Bieres vorherzusagen.


22. Warum riecht derselbe Hopfen aus verschiedenen Ernten anders?

Hopfen ist ein Naturprodukt.

Die chemische Zusammensetzung wird beeinflusst durch:

  • Wetter
  • Temperatur
  • Niederschlag
  • Sonneneinstrahlung
  • Boden
  • Reifegrad
  • Erntezeitpunkt
  • Trocknung

Dadurch kann sich das Hopfenölprofil von Jahr zu Jahr verändern.

Deshalb kann ein Hopfen aus:

Erntejahr 2025

anders riechen als derselbe Hopfen aus:

Erntejahr 2026.

Die Sorte ist gleich – das chemische Profil ist es nicht unbedingt.


23. Auch das Anbaugebiet spielt eine Rolle

Nicht nur das Jahr ist wichtig.

Auch das Terroir kann die Zusammensetzung beeinflussen.

Ein und dieselbe Sorte kann beispielsweise aus unterschiedlichen Anbaugebieten unterschiedliche Aromaeindrücke zeigen.

Dabei spielen unter anderem:

  • Klima
  • Temperaturverlauf
  • Boden
  • Wasserverfügbarkeit
  • Sonneneinstrahlung
  • Anbaumethoden

eine Rolle.

Deshalb sollte man einen Hopfen nicht nur nach seinem Sortennamen beurteilen.


24. Lagerung verändert das Hopfenöl

Hopfenöle sind empfindlich gegenüber:

  • Sauerstoff
  • Wärme
  • Zeit

Mit zunehmender Lagerdauer können sich die ursprünglichen Aromastoffe verändern.

Besonders empfindlich sind viele flüchtige Verbindungen.

Dadurch kann ein frischer Hopfen mit:

intensiver Fruchtigkeit

nach längerer und ungünstiger Lagerung deutlich flacher wirken.

Bei stark hopfenbetonten Bieren ist deshalb die Frische des Hopfens besonders wichtig.


25. Frischer Hopfen und alter Hopfen

Ein frisch gelagerter Aromahopfen kann beispielsweise:

  • intensiv
  • zitrisch
  • fruchtig
  • floral

wirken.

Bei stark gealtertem oder falsch gelagertem Hopfen können dagegen zunehmend:

  • oxidative
  • dumpfe
  • grasige
  • alt wirkende

Noten auftreten.

Das ist einer der Gründe, warum professionelle Brauereien bei Aromahopfen großen Wert auf:

sauerstoffarme Verpackung

und

kalte Lagerung

legen.


26. Warum moderne Hopfensorten so unterschiedlich riechen

Die moderne Hopfenzüchtung hat das Spektrum möglicher Hopfenaromen enorm erweitert.

Neben klassischen Profilen wie:

  • würzig
  • floral
  • kräuterig

gibt es heute Sorten mit sehr ausgeprägten:

  • Zitrusnoten
  • tropischen Früchten
  • Steinfrucht
  • Beeren
  • Harz
  • Pinie
  • Weintraube

Dahinter stehen unterschiedliche Kombinationen von Aromastoffen.

Ein moderner Aromahopfen ist deshalb im Grunde ein chemisch definiertes Aromawerkzeug für den Brauer.


27. Hopfensorten als chemischer Fingerabdruck

Man kann sich jede Hopfensorte als eine Art:

„chemischen Fingerabdruck“

vorstellen.

Dieser umfasst unter anderem:

  • Alpha-Säuren
  • Beta-Säuren
  • Gesamtöl
  • Myrcen
  • Humulen
  • Caryophyllen
  • Farnesen
  • weitere flüchtige Verbindungen

Zwei Sorten können einen ähnlichen Gesamtölgehalt besitzen und trotzdem völlig unterschiedlich riechen.

Der Grund liegt in der Zusammensetzung und dem Verhältnis der einzelnen Bestandteile.


28. Was sollte ein Hobbybrauer aus der Hopfenanalyse mitnehmen?

Beim Einkauf von Hopfen muss man nicht zum Chemiker werden.

Ein paar Grundkenntnisse reichen bereits.

1. Hopfensorte

Sie gibt die grundsätzliche Aromarichtung vor.

2. Erntejahr

Frische und Jahrgangsunterschiede sind relevant.

3. Gesamtöl

Ein grober Hinweis auf das aromatische Potenzial.

4. Myrcen, Humulen, Caryophyllen und Farnesen

Sie helfen, das Ölprofil besser einzuordnen.

5. Sauerstoff und Lagerung

Sie entscheiden mit darüber, wie viel Aromapotenzial erhalten bleibt.

6. Sensorik

Und am Ende gilt:

Riechen ist genauso wichtig wie das Datenblatt.


29. Ein einfaches Aromamodell

Für die Praxis kann man sich die wichtigsten Verbindungen zunächst ungefähr so merken:

Myrcen

→ grün, kräuterig, harzig

Humulen

→ floral, würzig, kräuterig

Caryophyllen

→ würzig, pfeffrig, holzig

Farnesen

→ floral, frisch, grün

Linalool

→ floral, zitrusartig

Geraniol

→ floral, rosig, zitrusartig, fruchtig

Diese Zuordnungen sind bewusst vereinfacht.

Sie sollen nicht suggerieren, dass ein einzelnes Molekül automatisch einen bestimmten Geruch erzeugt.


30. Die eigentliche Aromawirkung entsteht aus dem Zusammenspiel

Das ist der entscheidende Punkt:

Myrcen + Humulen + Caryophyllen + Linalool + Geraniol + weitere Verbindungen

ergeben nicht einfach eine Summe einzelner Gerüche.

Sie können sich gegenseitig beeinflussen.

Dazu kommen:

  • Konzentration
  • Geruchsschwelle
  • Biermatrix
  • Alkohol
  • pH-Wert
  • Hefe
  • Gärung
  • Temperatur

Deshalb kann ein Bier am Ende völlig anders riechen, als man anhand eines einzelnen Laborwerts erwarten würde.


31. Vom Hopfenöl zum Bieraroma

Der Weg lässt sich vereinfacht so darstellen:

Hopfenöl im Hopfen

↓

Freisetzung

↓

Extraktion

↓

Lösung im Bier

↓

Verdampfung und Verluste

↓

Oxidation

↓

chemische Umwandlungen

↓

Biotransformation durch die Hefe

↓

Aromastoffe im fertigen Bier

↓

sensorische Wahrnehmung

Das erklärt auch, warum ein Brauer nicht einfach nur den „aromatischsten“ Hopfen kaufen kann.

Er muss verstehen, wie er mit diesem Hopfen arbeitet.


32. Was bedeutet das für IPA und NEIPA?

Bei modernen hopfenbetonten Bieren ist genau dieses Wissen besonders wertvoll.

Wenn das Ziel ein möglichst intensives Hopfenaroma ist, reicht es nicht aus, einfach möglichst viel Hopfen einzusetzen.

Entscheidend sind unter anderem:

  • die richtige Sorte
  • frischer Hopfen
  • passende Kombinationen
  • Zeitpunkt der Hopfengabe
  • Whirlpool-Temperatur
  • Dry-Hop-Menge
  • Kontaktzeit
  • Hefestamm
  • Sauerstoffmanagement

Die Hopfenchemie liefert dabei die Grundlage für die Prozessentscheidungen.


33. Die wichtigste Erkenntnis

Wenn du aus diesem Artikel nur einen Gedanken mitnimmst, sollte es dieser sein:

Nicht ein einzelnes Hopfenöl macht den Charakter einer Hopfensorte. Entscheidend ist das gesamte Hopfenölprofil – und was während des Brauprozesses daraus wird.

Myrcen ist nicht einfach „Frucht“.

Humulen ist nicht einfach „Noble“.

Caryophyllen ist nicht einfach „Pfeffer“.

Farnesen ist nicht einfach „Blume“.

Und der Gesamtölgehalt ist nicht automatisch gleichbedeutend mit mehr Aroma.

Erst das Zusammenspiel vieler Verbindungen macht das tatsächliche Hopfenaroma aus.


Fazit

Myrcen, Humulen, Caryophyllen und Farnesen gehören zu den wichtigsten Bestandteilen des Hopfenöls. Dazu kommen zahlreiche weitere Verbindungen, insbesondere oxygenierte Terpene wie Linalool und Geraniol.

Für den Brauer sind diese Stoffe interessant, weil sie helfen, die Unterschiede zwischen Hopfensorten besser zu verstehen.

Noch wichtiger ist aber das Verständnis dafür, dass diese Stoffe während des Brauprozesses nicht statisch bleiben.

Hitze, Verdampfung, Sauerstoff, Extraktion, Lagerung und Hefe verändern die Zusammensetzung.

Deshalb ist der Weg vom Hopfen zum Bieraroma kein einfacher Transportprozess:

Hopfenöl → Bieraroma

sondern eher:

Hopfenöl → Extraktion → Verluste → Umwandlung → Biotransformation → Bieraroma

Genau diese Komplexität macht Hopfenchemie so spannend.


Weiter geht’s: Polyphenole im Hopfen – Gut oder schlecht?

Bisher haben wir uns vor allem mit den Alpha-Säuren, Beta-Säuren und Hopfenölen beschäftigt.

Doch Hopfen enthält noch eine weitere wichtige Stoffgruppe:

Polyphenole.

Sie sind besonders interessant für Hobbybrauer, weil sie nicht nur mit Bittere und Adstringenz zu tun haben. Sie können auch Mundgefühl, Trübung, Schaum und die Stabilität des Bieres beeinflussen.

Gerade beim Dry Hopping stellt sich deshalb eine praktische Frage:

Sind Polyphenole eigentlich ein Problem – oder gehören sie einfach zu einem guten Hopfenbier dazu?

Das schauen wir uns im nächsten Teil genauer an.

Bild Quelle: Donovan Kelly von Pexels

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