Hefe Serie #4: Warum erzeugt Hefe unterschiedliche Aromen?

Ester, Phenole, höhere Alkohole, Schwefel, Diacetyl und Acetaldehyd verstehen

In den ersten drei Folgen unserer Hefe-Serie haben wir die Grundlagen gelegt:

Hefe ist ein lebender Mikroorganismus. Sie wandelt nicht einfach nur Zucker in Alkohol und CO₂ um, sondern verändert während der Gärung die Zusammensetzung der gesamten Würze.

Wir haben außerdem gesehen, dass sich Ale- und Lagerhefen in ihrer Herkunft, Physiologie und ihrem Gärverhalten unterscheiden.

Jetzt wird es sensorisch interessant.

Denn eine Frage taucht beim Brauen immer wieder auf:

Woher kommen eigentlich die typischen Hefearomen im Bier?

Warum riecht ein Weizenbier nach Banane und Nelke? Warum kann eine belgische Hefe pfeffrige oder würzige Noten erzeugen? Warum riecht ein frisch vergorenes Lager manchmal nach Schwefel, obwohl das fertige Bier später völlig sauber ist?

Und warum schmeckt Bier manchmal nach Butter oder grünem Apfel?

Die Antwort liegt zu einem großen Teil im Stoffwechsel der Hefe.


1. „Hefearoma“ ist nicht nur ein Aroma

Im Alltag sagen Brauer gerne:

„Diese Hefe hat ein starkes Aroma.“

Aus technischer Sicht ist diese Aussage allerdings ziemlich ungenau.

Denn das, was wir als „Hefearoma“ wahrnehmen, kann aus ganz unterschiedlichen Stoffgruppen bestehen.

Zum Beispiel:

Ester

→ Frucht, Banane, Birne, Apfel

Phenole

→ Nelke, Pfeffer, Gewürze

Höhere Alkohole

→ Wärme, Würze, alkoholischer Eindruck

Schwefelverbindungen

→ Schwefel, Ei, Streichholz

Diacetyl

→ Butter, Butterkaramell

Acetaldehyd

→ grüner Apfel, unreife Früchte

Diese Stoffe entstehen nicht auf dieselbe Weise und haben auch nicht dieselbe Bedeutung für das Bier.

Einige sind ein wichtiger Bestandteil eines Bierstils.

Andere gelten bei bestimmten Bieren als Fehlaroma.

Wieder andere sind in kleinen Mengen kaum wahrnehmbar, beeinflussen aber trotzdem das Gesamtbild.

Deshalb reicht die Frage

„Ist dieser Stoff gut oder schlecht?“

nicht aus.

Die interessantere Frage lautet:

Wie viel davon ist vorhanden, in welchem Bier und unter welchen Bedingungen ist es entstanden?


2. Was meinen wir eigentlich mit „Hefearoma“?

Hefearoma bedeutet nicht, dass wir die Hefezellen selbst schmecken.

Vielmehr produziert die Hefe während ihres Stoffwechsels eine große Zahl verschiedener Verbindungen.

Während der Gärung muss sie:

  • Zucker verwerten
  • Energie gewinnen
  • wachsen
  • neue Zellen bilden
  • Nährstoffe aufnehmen
  • ihre Zellstruktur aufrechterhalten
  • auf die Umgebung reagieren

Dabei entstehen verschiedene Stoffwechselprodukte.

Ein Teil davon bleibt im Bier gelöst.

Ein Teil wird später wieder verändert oder abgebaut.

Ein anderer Teil entweicht beispielsweise mit dem CO₂.

Was am Ende übrig bleibt, beeinflusst das Aroma und den Geschmack des Bieres.

Deshalb ist es genauer zu sagen:

Viele der klassischen „Hefearomen“ sind eigentlich Stoffwechselprodukte der Hefe.


3. Ester – woher kommen Banane und Fruchtaromen?

Ester gehören zu den wichtigsten Aromastoffgruppen der Biergärung.

Je nach Verbindung können sie an folgende Aromen erinnern:

  • Banane
  • Apfel
  • Birne
  • Pfirsich
  • Aprikose
  • Ananas
  • weitere Fruchtnoten

Sie sind deshalb besonders wichtig für viele Ale- und Weizenbierstile.

Ein bekanntes Beispiel ist:

Isoamylacetat

Dieser Ester wird besonders häufig mit einem:

Bananenaroma

in Verbindung gebracht.

Wer schon einmal ein charakteristisches Hefeweizen gerochen hat, kennt wahrscheinlich genau dieses Aroma.


4. Warum schmeckt nicht jedes Bier mit demselben Hefestamm nach Banane?

Hier liegt ein entscheidender Punkt.

Nur weil ein Hefestamm Ester bilden kann, bedeutet das nicht automatisch, dass das fertige Bier stark fruchtig wird.

Denn die Esterbildung hängt von vielen Faktoren ab.

Der Hefestamm

Verschiedene Stämme besitzen eine unterschiedlich starke Neigung zur Esterbildung.

Ein Stamm kann sehr neutral vergären.

Ein anderer produziert deutlich mehr Fruchtaromen.


Die Temperatur

Die Gärtemperatur beeinflusst die Stoffwechselaktivität der Hefe.

Bei vielen Hefestämmen führt eine höhere Temperatur unter sonst gleichen Bedingungen zu einer stärkeren Bildung bestimmter Ester.

Deshalb kann derselbe Stamm bei:

18 °C

deutlich anders wirken als bei:

22 °C

Das bedeutet allerdings nicht:

„Je wärmer, desto besser.“

Es bedeutet lediglich:

Die Temperatur verändert den Stoffwechsel der Hefe und damit ihr Aromaprofil.


Die Pitching Rate

Auch die Menge der eingesetzten Hefe spielt eine Rolle.

Eine zu niedrige Anstellrate kann die Hefe stärker belasten und damit das Gärprofil verändern.

Eine höhere Zellzahl kann unter sonst gleichen Bedingungen zu einem anderen Aromaprofil führen.

Deshalb ist die Pitching Rate nicht nur eine Frage der Gärgeschwindigkeit.

Sie ist auch eine Frage der Aromasteuerung.


Die Würze

Würze ist keine reine Zuckerlösung.

Sie enthält unter anderem:

  • verschiedene Zucker
  • Aminosäuren
  • FAN
  • Mineralstoffe
  • Vitamine
  • weitere Nährstoffe und Vorstufen

Diese Zusammensetzung beeinflusst, wie die Hefe arbeitet.

Deshalb kann derselbe Hefestamm auf zwei unterschiedlichen Würzen ein unterschiedliches Aromaprofil entwickeln.


5. Phenole – woher kommen Nelke und Pfeffer?

Eine zweite wichtige Stoffgruppe sind:

Phenole

Phenolische Verbindungen können unter anderem Aromen erzeugen, die an:

  • Nelke
  • Pfeffer
  • Gewürze
  • Rauch
  • medizinische oder phenolische Noten

erinnern.

Besonders bekannt sind sie aus bestimmten Weizen- und belgischen Bierstilen.


6. Warum hat ein Hefeweizen eine Nelkennote?

Ein klassisches Beispiel ist:

4-Vinylguaiacol

Diese Verbindung wird häufig mit der typischen:

Nelkennote

im Weizenbier verbunden.

Bestimmte Hefestämme besitzen die Fähigkeit, Vorstufen solcher phenolischen Verbindungen aus der Würze umzuwandeln.

Diese Eigenschaft wird oft als:

POF – Phenolic Off-Flavor positive

bezeichnet.

Der Begriff „Off-Flavor“ kann dabei etwas irreführend sein.

Denn bei einem Hefeweizen ist eine deutliche phenolische Würzenote kein Fehler.

Ganz im Gegenteil:

Sie gehört zum gewünschten Charakter des Bierstils.

Damit wird eine wichtige sensorische Regel deutlich.


7. Derselbe Aromastoff kann einmal erwünscht und einmal unerwünscht sein

Stellen wir uns ein klassisches Hefeweizen vor.

Hier können:

Nelke + Banane

genau das gewünschte Aromaprofil ergeben.

Bei einem belgischen Bier können pfeffrige und würzige Phenole ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil des Stils sein.

Bei einem sehr neutralen American Lager wäre dagegen eine deutliche Nelken- oder Medizinartigkeit eher ungewöhnlich.

Deshalb gibt es bei Bier keine einfache Liste nach dem Muster:

„Dieser Stoff ist gut.“

oder:

„Dieser Stoff ist schlecht.“

Entscheidend sind:

Konzentration

Bierstil

Gesamtbalance


8. Höhere Alkohole – warum kann Bier „alkoholisch“ wirken?

Neben Ethanol entstehen während der Gärung auch:

höhere Alkohole

Sie gehören nicht zum Hauptalkohol des Bieres, beeinflussen aber dessen sensorische Wahrnehmung.

Sie können unter anderem beitragen zu:

  • Wärmegefühl
  • Würzigkeit
  • Komplexität
  • alkoholischem Charakter

In moderaten Mengen können sie Teil eines komplexen Bierprofils sein.

Zu hohe Konzentrationen wirken dagegen schnell unangenehm.

Das Bier kann dann:

scharf, rau, warm oder lösungsmittelartig

wirken.


9. Warum kann eine zu warme Gärung problematisch sein?

Ein typisches Beispiel aus der Heimbrauerei:

„Ich habe das Bier etwas wärmer vergoren, damit die Gärung schneller läuft.“

Das kann funktionieren.

Aber die Temperatur beeinflusst nicht nur die Geschwindigkeit.

Sie verändert auch den Stoffwechsel der Hefe.

Dadurch kann sich die Bildung verschiedener Nebenprodukte verändern, darunter auch höhere Alkohole und bestimmte Ester.

Das kann dazu führen, dass ein Bier am Ende:

  • stärker alkoholisch wirkt
  • fruchtiger wird
  • weniger neutral erscheint

Deshalb ist die Temperatur kein reiner Geschwindigkeitsregler.

Sie ist ein wichtiges Werkzeug zur Aromasteuerung.


10. Schwefelverbindungen – warum riecht das Lager manchmal nach faulen Eiern?

Schwefelverbindungen gehören zu den Stoffen, die Hobbybrauer besonders schnell nervös machen.

Ein klassisches Beispiel ist:

H₂S – Schwefelwasserstoff

Der Geruch ist sehr typisch:

faules Ei

Wer diesen Geruch zum ersten Mal aus einem Gärbehälter wahrnimmt, denkt möglicherweise sofort:

„Mein Bier ist verdorben.“

Das ist aber keineswegs zwingend der Fall.

Bestimmte Lagerhefen können während der Gärung durchaus deutlich wahrnehmbare Schwefelverbindungen bilden.

Das kann insbesondere während bestimmter Phasen der Gärung völlig normal sein.


11. Warum kann Schwefel während der Gärung stark sein und später verschwinden?

Schwefelwasserstoff bleibt nicht zwangsläufig dauerhaft im Bier.

Während der aktiven Gärung entsteht viel CO₂.

Dadurch können flüchtige Schwefelverbindungen teilweise aus dem Bier ausgetragen werden.

Zusätzlich kann die Hefe bestimmte Verbindungen weiter verarbeiten.

Im Verlauf der Reifung kann das Schwefelprofil deshalb stark zurückgehen.

Ein möglicher Verlauf wäre:

Tag 3

→ deutlich schwefelig

↓

Tag 7

→ weniger Schwefel

↓

nach der Reifung

→ kaum noch wahrnehmbar

Das führt zu einem wichtigen Grundsatz bei der Beurteilung einer Gärung:

Der Geruch des Jungbieres ist nicht automatisch der Geruch des fertigen Bieres.


12. Wann sollte man Schwefel genauer untersuchen?

Problematisch wird es eher dann, wenn ein starkes Schwefelaroma:

  • auch nach abgeschlossener Gärung
  • und nach ausreichender Reifung

deutlich bestehen bleibt.

Dann sollte man genauer hinschauen.

Mögliche Einflussfaktoren können sein:

  • Hefestamm
  • Nährstoffversorgung
  • Würzezusammensetzung
  • Gärführung
  • Wasser
  • Rohstoffe
  • Kontamination
  • Lagerung

Deshalb sollte man nie nur nach dem ersten Geruch urteilen.

Die richtige Frage lautet:

Wann tritt der Geruch auf, wie stark ist er und wie entwickelt er sich mit der Zeit?


13. Diacetyl – warum schmeckt Bier nach Butter?

Eine der bekanntesten Gärkomponenten ist:

Diacetyl

Das typische Aroma erinnert an:

Butter, Butterkaramell oder Sahnebonbon.

Für viele moderne Bierstile ist deutlich wahrnehmbares Diacetyl nicht erwünscht.

Aber auch hier gilt:

Ob Diacetyl ein Fehler ist, hängt vom Bierstil und von der Konzentration ab.

Bei manchen traditionellen Bierstilen können geringe Mengen toleriert oder sogar stiltypisch sein.

Bei einem klaren Pils oder einem modernen IPA möchte man dagegen meist möglichst wenig davon.


14. Wie entsteht Diacetyl?

Diacetyl entsteht nicht einfach dadurch, dass die Hefe „Butter produziert“.

Während des normalen Stoffwechsels bildet die Hefe unter anderem:

α-Acetolactat

Ein Teil davon kann aus der Hefezelle in die Würze gelangen.

Dort kann es sich weiter zu:

Diacetyl

umwandeln.

Der entscheidende Punkt:

Diacetyl ist also Teil eines normalen Stoffwechselzusammenhangs.

Gesunde, aktive Hefe kann das Diacetyl anschließend wieder aufnehmen und weiter reduzieren.

Das bedeutet:

frühe Gärung

→ Bildung von Vorstufen

↓

Diacetyl entsteht

↓

spätere Gärung

→ Hefe nimmt Diacetyl auf

↓

Diacetyl sinkt


15. Warum kann zu frühes Abkühlen problematisch sein?

Hier zeigt sich, warum das Ende der sichtbaren Hauptgärung nicht automatisch das Ende aller Hefearbeit bedeutet.

Wenn die Hefe zu früh stark abgekühlt oder vollständig von der Würze getrennt wird, kann die weitere Reduktion von Diacetyl behindert werden.

Das kann dazu führen, dass:

mehr Diacetyl im Bier verbleibt.

Deshalb gibt es bei vielen klassischen Lagerverfahren eine:

Diacetylrast

Dabei wird die Temperatur gegen Ende der Gärung angehoben, damit die Hefe ihre Arbeit unter geeigneten Bedingungen abschließen kann.

Dieses Thema werden wir in einer späteren Folge noch genauer behandeln.


16. Acetaldehyd – warum schmeckt Bier manchmal nach grünem Apfel?

Ein weiterer wichtiger Stoff ist:

Acetaldehyd

Er ist ein Zwischenprodukt auf dem Weg von Pyruvat zu Ethanol.

Vereinfacht:

Pyruvat

↓

Acetaldehyd

↓

Ethanol

Acetaldehyd gehört deshalb zunächst einmal zum normalen Stoffwechsel der Hefe.

Während einer sauber verlaufenden Gärung wird es weiter reduziert.

Wenn die Gärung jedoch nicht vollständig abgeschlossen wird, kann mehr Acetaldehyd zurückbleiben.

Sensorisch erinnert es häufig an:

grünen Apfel oder unreife Früchte.


17. Warum sind manche Fehlaromen eigentlich „unvollständige Prozesse“?

Das ist eine sehr hilfreiche Sichtweise für die Fehlersuche.

Nehmen wir Diacetyl.

Die Hefe produziert Vorstufen, aus denen Diacetyl entstehen kann.

Danach kann sie das Diacetyl wieder aufnehmen und reduzieren.

Wenn dieser zweite Schritt nicht ausreichend stattfindet, bleibt mehr Diacetyl zurück.

Ähnlich beim Acetaldehyd:

Es entsteht als Zwischenprodukt der Alkoholbildung und sollte anschließend weiter zu Ethanol umgesetzt werden.

Wenn dieser Prozess zu früh stoppt, bleibt mehr Acetaldehyd zurück.

Daraus ergibt sich ein wichtiges Prinzip:

Nicht jedes unerwünschte Aroma entsteht dadurch, dass die Hefe „falsch“ arbeitet. Manchmal wird ein normaler Stoffwechselweg einfach nicht vollständig abgeschlossen.

Diese Sichtweise hilft später bei der Diagnose von Gärproblemen.


18. Warum ist ein Stoff nicht automatisch „gut“ oder „schlecht“?

Bei der sensorischen Beurteilung von Bier muss man immer drei Dinge gemeinsam betrachten:

Stoff + Konzentration + Bierstil

Ein Beispiel:

Ester

Sehr wenig:

→ kaum wahrnehmbar

Moderate Menge:

→ angenehme Fruchtigkeit

Zu viel:

→ starkes Gäraroma


Phenole

Hefeweizen:

→ Nelke kann stiltypisch sein

Belgian Ale:

→ Pfeffer kann gewünscht sein

Neutraler Lagerstil:

→ deutlich phenolisch möglicherweise unpassend


Diacetyl

Bestimmte traditionelle Stile:

→ geringe Mengen können akzeptabel sein

Pils oder modernes IPA:

→ deutlich wahrnehmbar meist unerwünscht


Schwefel

Während der aktiven Gärung:

→ kann völlig normal sein

Im fertigen Bier:

→ je nach Bierstil und Intensität möglicherweise problematisch

Deshalb ist die Aussage

„Das riecht komisch“

noch keine Diagnose.


19. Welche Faktoren bestimmen das Aromaprofil der Hefe?

Jetzt können wir die verschiedenen Aromastoffe mit den Bedingungen der Gärung verbinden.

Die wichtigsten Einflussgrößen sind:

1. Der Hefestamm

Das ist der Ausgangspunkt.

Jeder Hefestamm besitzt ein eigenes genetisches und physiologisches Profil.


2. Die Temperatur

Sie beeinflusst:

  • Wachstum
  • Gärgeschwindigkeit
  • Esterbildung
  • Bildung anderer Stoffwechselprodukte

3. Die Pitching Rate

Die Menge und Vitalität der eingesetzten Hefe beeinflusst den Gärverlauf und damit auch das Aromaprofil.


4. Die Würzezusammensetzung

Wichtig sind unter anderem:

  • Zuckerprofil
  • FAN
  • Aminosäuren
  • Mineralstoffe
  • Spurenelemente

5. Sauerstoff

Vor allem in der frühen Phase beeinflusst Sauerstoff das Wachstum und den Zustand der Hefezellen.


6. Nährstoffe

Zum Beispiel:

  • Stickstoff
  • Zink
  • Vitamine
  • Mineralstoffe

7. Druck

Besonders bei modernen Verfahren kann:

Druckgärung

das Verhalten der Hefe verändern.


8. Der gesamte Gärverlauf

Eine Gärung ist nicht zwingend:

„18 °C von Anfang bis Ende.“

Man kann stattdessen mit einer definierten Gärkurve arbeiten.

Zum Beispiel:

18 °C

↓

19 °C

↓

20 °C

↓

21 °C

Dadurch kann die Hefe in unterschiedlichen Phasen gezielt unterstützt werden.


20. Derselbe Hefestamm – drei unterschiedliche Biere

Nehmen wir einen Ale-Hefestamm, der grundsätzlich zu einer gewissen Esterbildung neigt.

Variante A

16 °C

gute Pitching Rate

ausreichende Nährstoffversorgung

↓

relativ neutrales Bier


Variante B

20 °C

normale Pitching Rate

↓

deutlichere Fruchtnoten


Variante C

24 °C

zu geringe Pitching Rate

stärkere Würze

↓

mehr Fruchtaroma, mehr Gärcharakter und möglicherweise mehr höhere Alkohole

Es handelt sich in allen drei Fällen um:

denselben Hefestamm.

Und trotzdem entstehen drei unterschiedliche Gärprofile.

Genau deshalb kann man die Eigenschaften einer Hefe nie vollständig von den Bedingungen trennen, unter denen sie eingesetzt wird.


21. Eine gute Hefe allein macht noch kein gutes Bier

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Folge.

Manchmal hört man:

„Ich habe eine Premium-Hefe verwendet – warum schmeckt das Bier trotzdem nicht gut?“

Die Ursache muss nicht die Hefe sein.

Denn:

Ein guter Hefestamm unter schlechten Bedingungen kann ein schlechtes Ergebnis liefern.

Umgekehrt kann ein sehr gut kontrollierter Gärprozess auch mit einem einfachen, bewährten Hefestamm hervorragende Ergebnisse liefern.

Professionelles Hefemanagement bedeutet deshalb nicht:

„Die beste Hefe finden.“

Sondern:

„Den gewählten Hefestamm verstehen und ihm die richtigen Bedingungen geben.“


22. Eine praktische Denkweise: Vom Aroma zurück zur Gärung

Hier beginnt die Hefe für den Brauer besonders interessant zu werden.

Wenn du während der Gärung einen bestimmten Geruch wahrnimmst, sollte die erste Reaktion nicht sein:

„Das Bier ist kaputt.“

Sondern:

Banane oder deutliche Frucht?

→ Ester in Betracht ziehen.

Nelke oder Pfeffer?

→ Phenole in Betracht ziehen.

Starker alkoholischer oder lösungsmittelartiger Eindruck?

→ höhere Alkohole und Gärstress berücksichtigen.

Schwefel oder faules Ei?

→ H₂S bzw. andere Schwefelverbindungen prüfen.

Butter?

→ Diacetyl prüfen.

Grüner Apfel?

→ Acetaldehyd berücksichtigen.

Danach kommt die entscheidende Frage:

Ist diese Aromatik für den Bierstil erwünscht und in welcher Konzentration liegt sie vor?

Erst dann sollte man über ein mögliches Gärproblem sprechen.


23. Eine einfache Hefearomen-Landkarte

StoffgruppeTypische WahrnehmungTypische Verbindung zur GärungAutomatisch ein Fehler?
EsterBanane, Apfel, Birne, FruchtHefestoffwechselNein
PhenoleNelke, Pfeffer, Gewürzebestimmter HefestammNein
Höhere AlkoholeWärme, Würze, AlkoholHefestoffwechsel/GärbedingungenNein
SchwefelverbindungenSchwefel, faules Ei, StreichholzHefestoffwechselNein
DiacetylButter, ButterkaramellGärungszwischenproduktStilabhängig
Acetaldehydgrüner Apfel, unreife FruchtZwischenprodukt der Alkoholbildungmeist unerwünscht bei höherer Konzentration

Entscheidend ist dabei weniger die reine Existenz eines Stoffes.

Entscheidend ist:

Wie viel ist vorhanden, warum ist es vorhanden und was soll das fertige Bier eigentlich ausdrücken?


24. Von der Hefearomatik zur Gärführung

Damit haben wir einen wichtigen Schritt gemacht.

Wir wissen jetzt:

Die Hefe erzeugt Aromastoffe.

Aber wir wissen auch:

Die Menge dieser Aromastoffe ist nicht fest vorgegeben.

Sie hängt davon ab, wie wir die Hefe führen.

Das bedeutet:

Hefestamm

Würze

Pitching Rate

Temperatur

Nährstoffe

Sauerstoff

Druck

Zeit

↓

Stoffwechsel der Hefe

↓

Aromaprofil des Bieres

Genau hier beginnt die eigentliche Kunst der Gärführung.


Fazit

Hefe ist kein schwarzer Kasten, der irgendwo im Hintergrund Alkohol produziert.

Sie ist eine hochkomplexe biologische „Produktionsanlage“, die auf ihre Umgebung reagiert und dabei eine Vielzahl von Stoffwechselprodukten erzeugt.

Einige davon bringen:

Banane, Frucht und Gewürze.

Andere können:

Butter, grünen Apfel oder Schwefel

erzeugen.

Ob daraus ein gewünschtes Aroma oder ein Fehlaroma entsteht, hängt nicht allein vom Stoff selbst ab.

Es hängt von:

Konzentration, Hefestamm, Gärbedingungen und Bierstil

ab.

Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb:

Nicht nur der Hefestamm bestimmt das Aroma. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen dieser Hefestamm arbeitet.

Damit sind wir jetzt an einem besonders wichtigen Punkt der Serie angekommen.

Wir wissen, welche Aromastoffe entstehen können.

Als Nächstes schauen wir uns an, wie die Gärtemperatur diese Stoffe beeinflusst.


In der nächsten Folge

Warum vergärt dieselbe Hefe bei unterschiedlichen Temperaturen so unterschiedlich?

Wir untersuchen:

Gärtemperatur → Hefestoffwechsel → Ester → Phenole → höhere Alkohole → Gärgeschwindigkeit → Bieraroma

und gehen dabei einer sehr häufigen Frage nach:

Ist die vom Hersteller angegebene Temperaturspanne tatsächlich der optimale Bereich für mein Bier – oder nur der Bereich, in dem die Hefe überhaupt funktioniert?

Bild Quelle: Adam spinos von Pexels

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